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02.11.2008
» Abenteuer » Fremde Welten
NR
Das Buch, indem Mo in dieser Nacht las, hatte einen Einband aus blassblauem Leinen. Auch daran erinnerte Meggie sich später. Was für unwichtige Dinge im Gedächtnis kleben bleiben! „Mo, auf dem Hof steht jemand!“
Ihr Vater hob den Kopf und blickte sie abwesend an, wie immer, wenn sie ihn beim lesen unterbrach. Es dauerte jedes Mal ein paar Augenblicke, bis er zurückfand aus der anderen Welt, aus dem Labyrinth der Buchstaben.
„Da steht einer? Bist du sicher?“
„Ja. Er starrt unser Haus an.“ Mo legte das Buch weg. „Was hast du vor dem Schlafen gelesen? Dr Jekyll und Mr Hyde?“

Leise schlage ich das Buch zu. Ein Lächeln gleitet über mein Gesicht. Tintenherz von Cornelia Funke. Wie oft hatte ich mir doch schon gewünscht es zu besitzen. Behutsam stelle ich es zurück ins Regal. Sofort wird es wieder vom Schein der Kerzen erfasst, die hier überall hängen. Abwechselnd wird der rote Einband in Schatten und Licht getaucht- wenn ich es mir recht überlege, sieht es diesem Moment irgendwie aus wie Blut, das Buch. Wenn man sich den gelblichen Titel wegdenkt- wie flüssiges Blut. Mich selbst tadelnd, bohre ich mir meine Fingernägel in die Handflächen.
Also wirklich Kim- irgendwie kommst du doch immer auf merkwürdige Gedanken.
Vorsichtig laufe ich ein paar Schritte weiter, lasse meinen Blick über die hohen Holzregale gleiten, die hier in Miss Mills Bücherrei, fast bis ganz an die Decke reichen. Ich kann ihn riechen, wenn ich will- den Geschmack der Bücher, kann sie hören, die leisen, flüsternden Stimmen, die von ihnen ausgehen, wenn ich ganz genau hinhöre. Wieder lächle ich, doch dieses Mal nur matt. Meine dicken, schwarzen Militärstiefel, klacken ein wenig auf dem Boden, sowie bei anderen Schuhen mit Absätzen. Ich beginne extra kleinere Schritte zu machen, langsamer zu werden, damit man sie nicht ganz so doll hört. An einem Ort wie diesem, schäme ich mich für sie- ausnahmsweise. Genau wie für meine löchrigen Netzstrümpfe und den vielen Nietengürteln, die um meine Hüften baumeln. Genau so, wie für meine fettigen Haare, die ich mir vor ein paar Tagen pink gefärbt habe, meinem Nasenpiercing, der in meiner rechten Nase steckt und meiner dicken, schweren Lederjacke, die ich trage, obwohl es Sommer ist. Manchmal fühle ich mich so fremd. Dabei brauche ich das jetzt im Grunde eigentlich gar nicht. Ich bin allein- ausser mir ist niemand mehr hier. 15 Minuten vor Ladenschluss- wieso auch?! Langsam trotte ich zu einem kleineren Gestell hinüber, dass ein bisschen unter den anderen hervorsticht. Einem sofort ins Auge sticht. Was hatte Mama Mal gemeint, bevor ich weggegangen war? Ich würde jedem sofort ins Auge fallen?! So là là ein Grinsen hinkriegend, lasse ich meine Finger über eine Reihe Bücherrücken gleiten, die ungefähr in der Mitte des Regals steht. Mama wird nie verstehen, dass ich genau das will. Auffallen- Aufmerksamkeit auf mich ziehen, die die sie mir nie geben konnte. Na ja, ausser hier dinn vielleicht. So viel Aufmerksamkeit, brauche ich hier drinn auch wieder nicht auf mich zu lenken. Unter Büchern, braucht man niemanden etwas vorzuspielen. Hier bist du fremd, bist froh wenn du von all dem Papier akzeptiert wirst und hast manchmal sogar das Glück, Geborgenheit von ihnen zu erfahren. Sanft, schon fast zärtlich, so wie ich sonst nie bin oder ich mich aufzuführen wage, ziehe ich ein dickes mit rot- gelber Schrift versehenes Buch unter den anderen hervor. Ich kenne es. Als ich klein war, 10, habe ich es gelesen, während Mama auf einer ihrer Sauf- Touren war, wie ich sie heute nenne. Im Wohnzimmer bin ich damals gesessen, dass weiss ich noch- mit dem Rücken an den Fernseher gelehnt, weil das, der einzige Gegenstand war, der vom ununterbrochenen benutzen glühte. Unsere Heizung war vor ein paar Wochen kaputt gegangen. Mit einem traurigen Glitzern in den Augen, schlage ich das Buch auf, an irgendeiner Stelle und weiss trotzdem sofort welche es ist. Ich habe sie mehrmals gelesen- damals.

„Wir spielen hier nicht Verstecken, Harry“, sagte Voldemort leise und die kalte Stimme näherte sich, während die Todesser erneut auflachten. „Du kannst dich nicht vor mir verstecken. Heisst das, du bist des Duellierens müde? Heisst das, du ziehst es vor, dass ich es auf der Stelle beende? Komm vor, Harry...komm vor und spiel mit...es wird schnell gehen...vielleicht sogar schmerzlos...ich kann es nicht wissen...ich bin nie gestorben...“

Dieses Mal schliesse ich das Buch nicht leise- nein, ich donnere es regelrecht zu, ganz fest, als wollte ich etwas darin für immer einsperren- etwas böses. Den Knall, den ich vollführe, als Buchdeckel auf Buchdeckel schlägt, hallt durch den ganzen Raum. Fast schon ohrenbetäubend, so kommt es mir vor. Ich spüre wie ich zu zittern anfange. „Du bist ein Angsthase, Kimy“, dass würde Jess, jetzt bestimmt sagen. „Hör auf, dich wie eine kleine Schisserin aufzuführen- Na komm.“ Sicher, hätte sie mir eine Zigarette gereicht und gelacht. Ihre schwarzen Fransen, währen ihr in die Stirn gefallen und ihr Zungenpiercing hätte in der Sonne aufgeblitz. Zigarette. Hier drinn ist rauchen verboten. Fluchend ertappe ich mich selbst dabei, wie ich meine Finger nach dem Zigaretten- Päckchen in der Innentasche meiner Jacke ausstrecke.
Kim du Idiotin. Hier drinn darf man nicht rauche- ausnahmsweise nicht. Du weisst doch hier werden Bücher gelagert.
„Schon gut“, flüstere ich leise, versuche meine innere Stimme soweit zu übertönen und laufe weiter. Nun aber schneller, hastiger. Ich will nicht, dass Miss Mills mich hier findet- Sie kann es nicht ausstehen, wenn ich hier bin, „herumschnüffle“ , wie sie es bezeichnet. Niemand mag es, wenn ich mich irgendwo herumtreibe. Selbst meine Familie konnte mich nicht Mal mehr leiden. Ausser Schande und Schlägen, kriege ich von denen ja nicht geschenkt- jedenfalls von Mama. Ich kneiffe die Lippen zusammen. Ich will nicht an sie denken. Hauptsache ich laufe Miss Mills nicht über den Weg- sonst hätte sich der Stein, den ich vor ein paar Stunden an ihr linkes Fenster geworfen habe, um unbemerkt hineinzuhuschen, wenn sie nach draussen nachsehen kommt, wer das wohl war, gar nicht gelohnt. Entschlossen, ernst, gehe ich auf das nächste Regal zu. Ich schliesse die Augen, taste mit den Händen ziellos am ersten Ablage- Brett entlang und ziehe schliesslich ein neues Buch heraus. Neugierig blicke ich auf neues paar Buchseiten hinab.

Eines Tages fanden Thomas und Annika einen Brief in ihrem Briefkasten. „An Thmas un Anika“, stand darauf. Und als sie ihn aufgemacht hatten, fanden sie eine Karte, auf der stand: Thmas un Anika solen zu Pippi sur Gebursfeier komen morgen nahmidag. Ansug: Was ir wolt.“ Thomas und Annika freuten sich so, dass sie anfingen, zu springen und zu tanzen. Sie verstanden sehr gut, was auf der Karte stand, wenn es auch etwas merkwürdig geschrieben war. Pippi hatte schreckliche Mühe gehabt mit dem Schreiben. Wenn sie auch damals in der Schule das „i“ nicht gekannt hatte- Tatsache war, dass sie jedenfalls ein wenig schreiben konnte. Zu der Zeit, als sie noch zur See gefahren war, hatte sie manchmal abens mit einem Matrosen auf dem Hinterdeck des Schiffes gesessen und versucht, schreiben zu lernen.

Ich muss grinsen, als ich das Buch an seinen Platz zurückstelle. Pippi Langstrumpf. Wie oft, hatte ich mir doch gewünscht genau so zu sein wie sie. Frech, lustig und beliebt. Wie gern, wär ich so mutig gewesen oder hätte einen Vater gehabt, der Seeräuber war. Ich spüre, wie sich etwas in mir drinn verkrampft. Mir wird heiss. Ich habe fast keine andere Wahl, als meine Lederjacke vorne ein wenig zu öffnen. Das knallgrüne T- Shirt, dass ich unter ihr trage, sieht irgendwie komisch aus- wie alles im Licht der Kerzen. Zufällig streife ich meine Uhr, die mit dem zersprungenen Glas. 19: 57. Es durchzuckt mich wie ein Stromschlag. Für ein paar Sekunden schnürte Panik mir jegliches Denken ab. Bis die Nachricht mich jedoch wohl oder übel erreichte. Miss Mills wird ihren Laden in genau drei Minuten schliessen! Ohne noch lange zu überlegen, renne ich los. Die Kapuze meiner Jacke fällt zurück, mein pinkes Haar weht mir wild ins Gesicht. Einen Augenblick lang, denke ich darüber nach stehen zu bleiben und sie mir aus der Stirn zu streichen, einen Augenblick lang lang, zögere ich und weiss nicht, ob ich nicht vielleicht doch einfach hier bleiben soll- Hier schlafen soll, wie ich es mir eigentlich vorgenommen hatte, als ich herkam. Ich könnte die ganze Nacht lesen, Miss Mills würde es nicht merken, da sie ja gar nicht wusste, dass ich überhaupt hier war. Ich könnte mindestens ganze 14 Stunden hier sitzen und weiter in verschiedenen Bücher herumstöbern- In fremde Welten eintauchen....
Ein Klackern reisst mich aus meinen Gedanken. Mir ist sofort klar, dass dieses Geräusch von Miss Mills Schlüssel stammen muss. Sie ist kurz davor abzuschliessen! Sie überquert die Eingangshalle und holt ihn gerade aus ihrer Handtasche. Nocheinmal blicke ich zu den Regalen hinüber. Zu den Büchern, nie erfüllten Träumen, leisem, mutmachendem Geraune. Dann fasse ich einen Entschluss.
Man kann zwei Dinge gleichzeitig erreichen wenn man will, Kim- Man braucht es nur zu wollen.
So schnell ich kann hetze ich den Weg den ich gekommen bin zurück, nehme eine Abkürzung am Regal vorbei, andem ich Cornelia Funkes Buch entdeckte und renne keuchend und nach Luft japsend in die Eingangshalle. Ich sollte mir das rauchen echt Mal abgewöhnen. „Miss Mills!“ , brülle ich und schleppe mich gerade noch rechtzeitig zur Tür. Miss Mills steht schon mit einem Fuss auf der Strasse. Kaum habe ich sie erreicht und bin durch die Tür geschlüpft, mustert sie mich misstrauisch. Ihre harten, grauen Augen verengen sich dabei zu kleinen Schlitzen. „Du warst noch drinn?!“, fragt sie leise, gehässig und verkneifft sich ein Geschimpfe vermutlich nur, weil gerade eine Gruppe Kinder vorbei kommt. Ich nicke stumm. „Ich hab nicht auf die Uhr gesehen“ , murmle ich leise, dabei hatt ich eigentlich ganz anderes im Sinn. Jemand sollte dieser aufgeplusterten Pute ruhig Mal sagen, was er von ihr hielt. Doch ich riss mich zusammen. Vielleicht erledigte ich das morgen, zusammen mit Jess und Tschico. Miss Mills antwortet mir nicht mehr. Noch ein letzes Mal, bekomme ich ihren hasserfüllten, missbilligenden Blick zu spüren, dann dreht sie sich um und geht um die Ecke. Erleichtert seufze ich, krame sobald ich den Stoff ihres geblümten Sommerkleid in der Ferne nicht mehr sehen kann, meine Zigaretten hervor und zünde mir eine an. Genüsslich nehme ich einen tiefen, langen Zug. An meine Konditions- Probleme vorhin, denke ich nicht mehr. Den Kopf hoch empor gestreckt gehe ich die Strasse entlang. Spüre wie mir Papier die Haut am Bauch ein wenig aufripst, Buchdeckel gegen meine Brust schlagen und Lesezeichen aus Stoff, mich an der Innenseite meines rechten Arms kitzelt. Lächelnd überquere ich die Strasse- husche knapp an einem Auto vorbei. Ich muss unwillentlich an Miss Mills denken. Ob sie mir glauben würde, wenn ihr erzählte, dass sich ihr Exemplar von Tintenherz unter meinem T- Shirt befindet? Vermutlich nicht- wie gern würd ich aber ihr Gesicht sehen, wenn ich es ihr sagte. Ich grinse noch breiter- dunkelroter Bucheinband schlägt mir gegen die Rippen.
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